(Text vom September 1997)
Zu den entscheidenden Faktoren, die zur Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse beitragen, gehören die Massenmedien und in diesem Zusammenhang insbesondere auch die Musik. Die Tendenz zur weltweiten Gleichschaltung des Bewußtseins stehen jedoch vielfältige kulturelle Ansätze gegenüber, die sich dieser Tendenz konsequent verweigern und sich am Ideal einer freien Gesellschaft orientieren.
Wolfgang Sterneck: Der Kampf um die Träume
Wenn ich am Radio drehe… Immer noch kommen mir beim Kurbeln am Sendersuchknopf schwache Musik und schwach-sinniges Moderatorengerede entgegen. Schon vor drei Jahren habe ich so meinen Artikel begonnen. Inzwischen ist RadaR auf Sendung, ebenso wie der musikalische RadioClip(p)-Sender aus Frankfurt von dem fernen Planeten. Sowohl bei den öffentlich-rechtlichen Servicestationen als auch bei den kommerziellen Hit-Anbietern ist der vorherrschende Mechanismus deutlich und unverändert: Take a hit make a hit spielen bis zum Umfallen …der nächste bitte!!!
Dies nützt eigentlich nur einer Gruppe den großen Plattenfirmen die mit hohen Werbeaufwand ihre Interessen am Markt durchdrücken. Der Hörer und die Hörerin sind somit nur potentieller Plattenkäufer bzw. »Konsumenten« und nicht interessierter Radiohörer. Die großen Fünf sind Grundlage und Besitzer eines kompletten Fernsehsender, der Vorgibt dich "zu lieben", am besten auch auf Deutsch. Nur, wer wie Richard Branson zum Beispiel, mit massivem Geld- und Publicityaufwand versucht, mitzuschwimmen und um Marktanteile zu kämpfen, hat eine Chance weiter im Geschäft zu bleiben. Die anderen, die nicht so viel Geld haben, werden unweigerlich untergehen. Das ist Kapitalismus, und der herrscht nun mal in unseren Breiten. Die Folgen dieser Marktpolitik sind jetzt schon abzusehen. Diese fünf großen Firmen (vielleicht auch nur noch drei in Zukunft) werden bestimmen wann Radio gehört wird, was gehört wird und wie gehört wird. Und das wird eine ziemlich langweilige Sache werden. Um als Programmacher noch genug Hörer zu erreichen werden Extreme, die Abschrecken vermieden. Die »Volksparteien« bedienen den Mittengeschmack, auch Mainstream genannt. Keine musikalischen Wagnisse, keine textlichen Zeugnisse, als Begleitmedium zum Bügeln und Radiohören perfekt tauglich. Mediokrität also Mittelmäßigkeit, das kommt dabei heraus.
In der Gesellschaft der Radiohörer existieren die verschiedensten Geschmäcker. Nicht alle sind berücksichtigt, viele Hörwunschpotentiale bleiben in der Ablage unerfüllter Bedürfnisse. Wir haben die alltägliche Vielfalt des Musikbereich außerhalbs der normalen Radiogrenzen. Von Country & Western, Volksmusik, experimenteller Minimalmusik, Barjazz werden Musikwünsche mit sich herumgetragen die der Hörer sich kaum mehr traut zu äußern. Sie sind bewußt oder unbewußt verschüttet. Es bleiben die zwei Möglichkeiten, Abzuschalten oder den Musikgeschmack eigenständig zu degenerieren. Soweit die Situation die besteht oder uns vorbesteht.
Hier setzt die Musikredaktion von RadaR an. Wir versuchen, eine möglichst große Vielfalt im Programm zu bieten, versuchen zu beweisen, daß es rechts und links vom Mainstream interessante, hörenswerte Musik gibt. Wir wollen der geistigen und vor allen Dingen musikalischen Entropie mit Absicht etwas Extremes entgegensetzten. Wir versuchen, dem "Totnudeln" von einzelnen Stücken mit dem bewußten Einsatz von Liedern zu begegnen. Ich habe jedenfalls den Auftrag als NKL in der Lizensierung so verstanden. Die Musik wird in der Musikredaktion als Gut verstanden, daß vom Hörer die ganze Aufmerksamkeit verlangt; als Gut, das sowohl politische, wie auch emotionale Sachverhalte ausdrückt. Musik als Reaktion auf gesellschaftliche und politische Vorgänge oder als Reflexion. Die Musik quasi als Sprache, die sehr direkt Dinge ausdrücken kann. Ganz klar, daß man da mit dem Vokabular eines Captain Jack (auch so eine Darmstädter Produktion) schnell am Ende ist. All das versuchen wir in der Musikredaktion zu leisten.
Ein weiteres Ziel ist es, diejenigen, die aus den oben genannten Gründen kein Radio mehr hören, wieder zum Zuhören zu bringen, ihnen ein zu Hause zu geben. Und Hörer, denen das Programm aus einem bestimmten Grund nicht gefällt, können sich direkt, teilweise sogar über den Sender in laufende Diskussionen einschalten. Die Interaktion mit dem Hörer ist gefragt, nur dann haben wir ein funktionierendes LOKALradio. Die Musik ist ein lokales Thema, in dem die gesellschaftlichen Abläufe und Veränderungen aus der großen, weiten Welt aufgenommen werden. Sie wird von Darmstädter Hörerinnen und Hörern verarbeitet, ausgetanzt oder meditativ aufgenommen; sie ist Grundlage für Kommunikation, Diskussion, Zusammentreffen und Gemeinsamkeit. Zwei Stunden Musikredaktion, täglich ein Salon, in dem sich die Bewohner treffen können. Musik als lokales Thema, beeinflußt vom globalen Einflüssen. Die Musikredaktion macht Themenradio.
Ein zweiter Schwerpunkt der Musikredaktion ist die Beschäftigung mit der lokalen Musikszene. Die Stadt hat ihr kleines eigenes Profil. Es existieren Musikorte die zwanzig Kilometer weiter nicht so ohne weiteres kopiert werden können. Man kann von einer speziellen Identität sprechen. Außerdem muß man von verschiedenen Szenen, z. B. der Jazz-Szene sprechen, weiterhin ist die moderne Musik ebenfalls in Darmstadt verankert. Auch hier versuchen wir, unseren Aufgaben so gut wie möglich gerecht zu werden. Das heißt erst einmal allen, die in Darmstadt und Umgebung Musik machen, die Möglichkeit zu geben, ihre Produktionen einem größeren und gemischten Publikum vorzustellen. Auch hier geht es wieder darum, nicht den Etablierten oder kommerziell Erfolgreichen eine Sendemöglichkeit zu geben. Das können andere besser. Es geht vielmehr darum sowohl Newcomern als auch Musikern, die es mit ihrer Art von Musik schwierig haben, sich öffentlich mit ihren Ideen und Machwerken zu artikulieren. Auch in Darmstadt gibt es Musiker zu entdecken, deren Musik es wert ist, daß man sie sich unvoreingenommen anhört und nicht auf Grund ihrer Provinzialität links liegen läßt (Übrigens, John Bon Jovi kommt auch Rhode Island, und das ist nicht grade der Nabel der Welt). Das wollen wir in der Musikredaktion tun. Und weil wir ja einen Sender betreiben und keine Zeitschrift, kann man den Zuhörern gleich vorspielen, wovon man spricht. Worauf man auch noch eingehen kann, ist die Situation der Musiker in Darmstadt. Gibt es Proberäume? Gibt es Ärger mit den Nachbarn oder Vermietern? Wie verhält sich die Stadt gegenüber Musikern und Gruppen? Gibt es Förderung? Gibt es ein professionellen Management für junge Musiker? Was kostet der Darmstadt-Sampler? Wo kann man auftreten? Solche Fragen standen bisher im Hintergrund bei den Sendungen, aber wenn man sie richtig behandelt, kann man da spannende Sendungen daraus machen. Und selbst die DJ-Nacht (DJ: Disc Jockey, meist männlich. Personen, die vorproduzierte Tonträger, häufig Schallplatten, eines bestimmten Musik-Genres abspielen und durch die Wahl der Platten und die Mischung der verschiedenen Stücke ein Musikstück komponieren, → Set) von Freitag auf Samstag wird dem lokalen Anspruch gerecht. Neben einigen Stars der Szene, die international bekannt sind, legen bei dieser Veranstaltung »Eigengewächse« und DJs aus der Stadt auf. Hier hat die lokale Verankerung vielleicht am besten geklappt. Nach einem halben Jahr Sendung haben wir natürlich noch nicht alle Aufgaben konsequent erfüllt. Kritik, wie Unterstützung ist notwendig. Dazu noch Aktzeptanz, zum Beispiel dafür, daß dieses bunt gemischte Programm nicht immer dem momentanen persönlichen Hörbefinden entspricht. Die Vielfalt der verschiedenen »Wellen« auf dieser einen Frequenz ist Herausforderung und Möglichkeit zugleich. Herausforderung nach aktiven Einschalten und Auseinandersetzen Möglichkeit neue Horizonte für sich selbst (wieder) zu entdecken.
Viel Spaß dabei, wünschen: Philipp & Clemens
Dieser Artikel wurde im September 1997 erstellt und veröffentlicht. Die Autoren waren bzw. sind aktive Mitglieder der Musikredaktion von Radio Darmstadt (RadaR) – zeitweilig als Redaktionssprecher – und haben gemeinsam die Redaktion zu Beginn des dauerhaften Sendebetriebs betreut. Radio Darmstadt ist 1997 als erstes hessisches NKL-Radio auf Sendung gegangen. Die Sendung "Kopfhörer" findet jeden ersten Sonntag im Monat statt; die Frequenz: 103,4 Mhz und läuft von 21–23 Uhr.